Religionswissenschaft und Religionsgeschichte
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Geschlecht und Religion 2.0

04.12.2019

gender

 

Die öffentlichen Debatten zeigen, wie relevant Religionen für das Verständnis von Geschlechterrollen und umgekehrt Geschlechterrollen für das Erforschen von Religionen sind: Auf der einen Seite bilden Geschlechtskategorien eine Grundlage für Religionen, auf der anderen bestimmen religiöse Institutionen und Traditionen Geschlecht und legitimieren bestimmte Formen von Geschlechterdifferenz und damit verbundene normative Diskurse. Dabei ist aufschlussreich, dass Genderrollen durch Religionen festgeschrieben werden können, etwa durch die Eingrenzung von Frauen auf bestimmte Funktionen in der Gemeinschaft und/oder in der Familie. In und durch Religionen können Geschlechterdifferenz oder Diskriminierung aber auch aufgebrochen werden, beispielsweise indem der Bezug zu transzendenten Mächten Möglichkeiten der Umdeutung von Rollen und Hierarchien der Geschlechter eröffnet. Mit anderen Worten: Geschlecht, Religion und Gesellschaft sind facettenreich miteinander verknüpft; ihre komplexen gegenseitigen Einflüsse können nicht auf eine einfache Formel reduziert werden.


Im Projekt „Geschlecht und Religion 2.0“ wird auf der systematischen Ebene ein dreifacher Blick auf die komplexe Wechselwirkung zwischen Geschlecht und religiösen Symbolsystemen, Traditionen und Praktiken geworfen.


a) In einem ersten Teil wird die Frage vertieft, warum sich die Religionswissenschaft so schwer mit der Kategorie Geschlecht getan hat und immer noch tut. Hier wird eine gründliche Selbstreflexion über die impliziten Werte und Normen, die die religionswissenschaftliche Forschung leiten, geführt sowie die Position von Forschenden gegenüber ihrem Untersuchungsgegenstand hermeneutisch reflektiert. Dieser Teil trägt nicht nur zur Situierung der Forschung im Bereich von Geschlecht und Religion bei, sondern auch zur Stärkung einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten Religionswissenschaft, die sich intensiv mit gesellschafts-politischen Dimensionen auseinandersetzt.


b) In zweiten Teil des Projektes wird nach theoretisch-methodischen Möglichkeiten gesucht, sich Geschlecht und Religion zu nähern. Wie können die beiden Schlüsselkategorien umrissen werden? Welche weiteren Konzepte erlauben die wissenschaftliche Erfassung der komplexen Relationen von Geschlecht und Religion? Dieser Teil spiegelt am deutlichsten die neueren Entwicklungen der Gender-Forschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften, die kaum Eingang in die Religionswissenschaft gefunden haben.


c) Die dritte Frage, die in diesem Projekt vertieft wird, gilt der Konstruktion der Religionswissenschaft im Hinblick auf die Positionen, die als „Klassiker“ behandelt werden. In der Religionswissenschaft wird auf eine Reihe bedeutender Klassiker verwiesen, die zentrale Theorien zur Erforschung von Religion entworfen haben. Dabei fällt auf, dass in den gängigen Standardwerken, die in Seminaren zur Forschungsgeschichte gelesen werden, nur männliche Klassiker behandelt werden. Diese Enge wird aufgebrochen und auf eine Reihe von Frauen verwiesen, die aufschlussreiche Beiträge für eine Bestimmung von Religion verfasst haben.

Liegt der Fokus dieser ersten drei Teile auf hermeneutischen, forschungsgeschichtlichen, methodischen und theoretischen Aspekten einer religionswissenschaftlichen Geschlechterforschung, so stehen in den weiteren Teilen religiöse Phänomene im Vordergrund. Hier werden systematisch ausgerichtete Reflexionen mit Fallstudien verbunden, die die Relevanz der Kategorie Geschlecht für die Erforschung von Religion anhand von zentralen Beispielen aufzeigen.


d) Gegenwärtige Geschlechts- und Religionsvorstellungen sind nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern basieren in facettenreichen Wechselwirkungen auf Tradierungsprozessen. Der vierte Teil des Projektes ist deshalb diachronen Aspekten in religiösen Traditionen gewidmet. Dabei reicht der Blick anhand von konkreten Fallstudien von der Antike bis in die Gegenwart und von Indien bis in die USA.


e) Als Ergänzung zum vorangehenden Teil, der diachrone Prozesse untersucht, nähert sich der letzte Teil des Projektes dem Themenfeld synchron an. In Anbetracht der Geschlechterthematik wird Religion in diesem Projekt als Kommunikationssystem verstanden, das umfassende Orientierung bietet und individuelle sowie kollektive Sinnprozesse anstößt. Religionen generieren solche sinnstiftenden Botschaften anhand verschiedener Medien wie Bilder, Texte, Musik, Kleidung, etc. Die Beiträge widmen sich in der Regel einem bestimmten Medium und fragen nach Prozessen der Repräsentation, der Vermittlung, der Rezeption und Regulierung von Geschlecht in und durch Religionen.

 

Kontakt und Informationen

 

Prof. Dr. Daria Pezzoli-Olgiati

PD Dr. Anna-Katharina Höpflinger