Religionswissenschaft und Religionsgeschichte
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Internationale Master Class

Utopia and Heterotopia
Imaginary Spaces in the European History of Religion and Philosophy

Ludwig-Maximilians-Universität München
30.11–3.12.2017
Prof. Dr. Carla Danani, Universität Macerata
Prof. Dr. Daria Pezzoli-Olgiati, LMU

Fragen hinterfragen
„Bezahlbarer Wohnraum in München? Eine utopische Vorstellung!“ Es sind solche Aussagen, die Wissenschaftler aufhorchen lassen. Denn was ist eigentlich eine Utopie? Die inflationäre Verwendung dieses populären Begriffs schwächt zugleich seine Trennschärfe. Ist die Utopie auf dem Siegeszug oder doch eher ihre morbide Schwester namens Dystopie? Wozu braucht der aufgeklärte Mensch nach Fukuyamas „Ende der Geschichte“ heutzutage noch Gegenentwürfe zur realen Welt? Waren Utopien eigentlich jemals umsetzbar? Und ist die konkrete Wirklich-Werdung überhaupt ihr Ziel?
Mit diesen Fragen haben sich rund 25 Studierende bei der Master Class „Utopien und Heterotopien: Imaginäre Räume in der europäischen Religions- und Philosophiegeschichte“ beschäftigt. Das Besondere dabei war die Zusammensetzung der Gruppe: Neben den Studentinnen und Studenten der Ludwig-Maximilians-Universität München waren neugewonnene Freunde aus der italienischen Partneruniversität in Macerata zu Gast, um gemeinsam auf Englisch zu diskutieren.Masterclass WISE 2017
Vier Tage lang widmeten sich die Teilnehmenden unter Leitung von Prof. Dr. Carla Danani (Università di Macerata) und Prof. Dr. Daria Pezzoli-Olgiati (LMU) den Konzepten von Utopie, Heterotopie und Ideologie. Den theoretischen Rahmen bildeten zuvor erarbeitete Ideen von Karl Mannheim, Paul Ricoeur und Michel Foucault. Anhand der vier Quellentexte – Platos „Politeia“, die Johannes-Apokalypse aus dem Neuen Testament, „De civitate dei“ von Augustinus und Thomas Morus’' Roman „Utopia“ – wurden Einzelformen der Phänomene in Referaten, Diskussionen und Gruppenarbeiten systematisch untersucht, zusammengetragen und miteinander verglichen. Die politische Macht von Utopien schilderte der Historiker David Khunchukashvili in seinem Forschungsprojekt über die Wechselwirkungen apokalyptischer Endzeiterwartung im 15. und 16. Jahrhundert in Moskau und der Entstehung des christlichen Zarentums unter Iwan dem Schrecklichen.
Um der Bandbreite utopischer Ideen und deren Rezeption gerecht zu werden, beschränkte sich der Kurs nicht bloß auf Texte. Gemeinsam schauten wir den an Anspielungen reichen Film „12 Monkeys“ von Terry Gilliam, in dem es von Heterotopien nur so wimmelt. Zoo, Treppe, Flugzeug und Psychiatrie, inklusive Zeitsprüngen und apokalyptischer Endzeitstimmung. Bester Gesprächsstoff nicht nur fürs Uni-Seminar, sondern auch für die gemeinsamen Abende beim Essen und Trinken. Manch einer der Gäste war zum ersten Mal in München, da durfte ein Stadtspaziergang trotz Kälte nicht fehlen.Tafelbild_01
Ein Höhepunkt war der Besuch der Ausstellung „Does Permanence Matter? Emphemeral Urbanism“ im Architekturmuseum der Pinakothek der Moderne. Die Schau zeigt zum Beispiel Märkte, Feste, Wallfahrten, Flüchtlingslager und Militärcamps als temporär existente Gesellschafts-Orte. Die facettenreiche Auswahl der Phänomene bietet zahllose Verknüpfungen zum Seminarthema und viel Stoff für Hausarbeiten.
Das Tolle an wissenschaftlichem Arbeiten ist das Bestreben, je nach Wahrnehmung, Wissensstand und Interesse verschiedenste Fragen zu beantworten. Das Tolle an interdisziplinärem Arbeiten ist es, all die eigenen Fragen wiederum hinterfragen zu müssen. Nicht immer grenzen unterschiedliche akademische Sichtweisen auf denselben Gegenstand ein Thema bequem ein, oft erweitern sie Objekt und Verständnis und fördern so neue Reflexionen über Definitionen und Konzepte zutage. Vom Seminar bleiben spannende Diskussionen in Erinnerung: Während der Geschichtswissenschaftler zum Beispiel die Zusammenhänge von Utopien in den jeweiligen historischen Gesellschaften erklären möchte, sucht der Philosoph eher nach Funktion und Potenzial einer Utopie. Der Religionswissenschaftler hingegen fragt, warum der Begriff Utopie von Religionen meist gemieden wird, obwohl er doch zumindest auf einer Meta-Ebene durchaus ein dominantes Paradigma in religiösen Traditionen benennt.
Wer fachfremde Positionen hört, lernt nicht nur Neues, sondern schärft damit auch sein eigenes Profil. Dieser wissenschaftliche Austausch hilft im späteren Berufsleben ungemein. Unnötig zu erwähnen, dass Kompetenzen wie Offenheit, Neugier und Ausdruckskraft auch das Privatleben bereichern. Vielen Dank an alle, die die Master Class möglich gemacht haben!

Toni Wölfl

Studiert Religionswissenschaft, Politik und Geschichte an der LMU. Das im Seminar erworbene Wissen will er für sein Vorhaben nutzen, die Konstruktion traditioneller Jenseitsvorstellungen von Katholiken in Bayern zu analysieren.

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Orte und Rituale der Memorialisierung

LMU, 4.-7. Mai 2017

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Transdisziplinär Lehren und Lernen

synthesis-2Vom 4. bis 7. Mai fand die Master Class zum ersten Mal unter der Leitung von Prof. Carla Danani (Università di Macerata) und Prof. Dr. Daria Pezzoli-Olgiati (LMU) statt. Im Mittelpunkt des Austausches zwischen den Studierenden der LMU und der italienischen Partneruniversität stand das Thema "Places and Rituals of Memorialisation". Die Lehrveranstaltung verband drei thematische Linien. Zuerst wurden grundlegende theoretische Konzepte anhand Texten von Edward S. Casey, Aleida Assmann, Stanley Tambiah und James E. Young vertieft und in verschiedenen Gruppen kritisch analysiert. Zweitens wurden diese Konzepte mit unterschiedlichen Fallstudien in Verbindung gebracht, die verschiedene Dimensionen der Memorialisierung widerspiegeln. Die Vorstellung dreier laufender Forschungsprojekte beleuchtete die Frage der Memorialisierung in unterschiedlichen kulturellen und zeitlichen Kontexten in Italien, Amsterdam und Kairo:

  • States Martyrs: Rituals and Places of Memorialisation – Baldassare Scolari (University of Zurich)
  • On the Border: Liminality in a Commemoration of Boat Refugees – William R. Arfman (Leiden University)
  • Dynamics of the Sacred: Martyrs, Murals and Public Space in Cairo – Giulia Giubergia (University of Gothenborg)

masterclass-sose-2017-2Die Visionierung des Filmes The Circle of Memory (Il cerchio del ricordo, Andrea Rossini, IT 2007) konfrontierte uns mit der Frage nach der Bedeutung von Denk- und Mahnmalen des zweiten Weltkriegs nach dem Zusammenbruch des ehemaligen Jugoslaviens.
Erweitert wurde die Diskussion durch den Vortrag von Prof. Dr. Mark George (Illiff School of Theology, Denver), "Veriscription: Place, Writing, Memorialisation, and the People of the Book", mit einem Blick auf die Antike und der Fragestellung nach der Leistung von Schriftlichkeit in Praktiken der Memorialisierung und der Identitätsbildung des Volkes Israel im Deuteronomium.
Drittens wurde das Thema in seinem Verhältnis zu Religion im Kontext der Entstehung und Verbreitung des Nationalsozialismus in München betrachtet, mit einem Besuch der Münchner Dokumentationsstelle zum Nationalsozialismus, wo wir eine spannende Führung erleben durften.
masterclass-sose-2017-3Schließlich bildeten theoretische Überlegungen und empirische Befunde anhand intensiver Kleingruppengespräche und einer Schlusssynthese durch Dolores Zoé Bertschinger und Valentina Carella, Doktorierende der Religionswissenschaft an der LMU bzw. der Philosophie an der UniMc, ein produktives Spannungsfeld.masterclass-sose-2017-4
In einer entspannten Atmosphäre, in der sich alle Teilnehmenden anhand von Kurzreferaten, Responses, Vorträgen, Kleingruppen- und Plenumsgesprächen aktiv beteiligten, kamen diverse Aspekte gegenwärtiger Forschungsarbeit zusammen: Disziplinen wie Philosophie, Religionswissenschaft und Theologie sowie unterschiedliche wissenschaftliche Traditionen aus Italien, den USA, den Niederlanden, der Schweiz und Schweden traten in einen bereichernden Austausch. Fragen nach den Korrespondenzen der Schlüsselbegriffe wie Space, Place, Memory, Memorial, Counter-Memorial, Ritual and Practice – im Englischen, Deutschen und Italienischen – trugen dazu bei, die Pluralität an Sprachen als kreativen Moment zu entdecken. Wir bedanken uns – auch im Namen unserer italienischen Kolleginnen und Kollegen – bei allen Teilnehmenden und sind gespannt auf die Lektüre der Hausarbeiten, die zur Veranstaltung entstehen werden. Die aufwändige Organisation konnte dank der effizienten Kooperation der Internationalen Dienste der involvierten Universitäten sowie durch das Engagement von Tanja Posch bewältigt werden.

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